Schlossgeflüster

Im "Schlossgeflüster" finden Sie Gedanken unserer Gäste, die sie mit ihrem Aufenthalt in Château d'Orion verbinden. In diesem Fall den Erlebnisbericht von Gerhard Unterganschnigg, den er nach einer Woche mit Julian Nida-Rümelin zum Thema "Humanismus – als Leitkultur" aufgeschrieben hat.

Humanismus für den Wirtschafts-Realo
von Gerhard Unterganschnigg

„Humanismus als Leitkultur“ und das auch noch eine ganze Woche lang. Wie kann so etwas eigentlich jemanden bewegen, der sich als Unternehmer/Manager mit so realen Dingen wie Cash-Flow, Gewinn, Bilanzen etc. herumschlägt? Klafft da nicht eine unüberbrückbare Lücke zu den Anforderungen des modernen Wirtschaftslebens, den damit verbundenen praktischen Fragen nach Unternehmensstrategie, Taktik der Umsetzung, des Gewinnen-Müssens um jeden Preis, des unmenschlichen Drucks auf die Mitarbeiter, die gesetzten Ziele zu erreichen?

Pflegt man also, im Falle des Besuchs dieser Veranstaltung, ausschließlich die eigene Schöngeistigkeit (ist ja auch in Ordnung, aber dafür gleich eine Woche investieren?) oder kann man erwarten außer der Erfahrung des Guten und Schönen etwas in den praktischen Alltag mitzunehmen?

Nun ich denke – ja. Und zwar unter anderem aus den folgenden Gründen.

Ich kenne keine Profession, in der so viele Konzepte zum Thema „wie bin ich erfolgreich“ regelmäßig auf den Tisch kommen wie im „Management“. Ich möchte gar nicht über deren Qualität befinden, aber schlussendlich ist dieses Phänomen aus meiner Sicht weniger Ausdruck der Sehnsucht, sondern einer gewissen Orientierungslosigkeit des modernen wirtschaftenden Menschen in einer überkomplex gewordenen Welt (wobei wirtschaftend oder „managend“ auf die eine oder andere Weise schlussendlich ja jeder ist).

Der Humanismus mit seinen wesentlichen Eckpfeilern der Individualität, Autonomie und Verantwortung verbunden mit Vertrauen des Einzelnen ist geeignet Anhaltspunkte zu geben, wie man die Relationen innerhalb des eigenen Arbeitsumfeldes/Unternehmens einmal hinterfragen sollte. Erfolg des Ganzen ist ja oft ein Resultat der „kleinen“ Erfolge vieler Einzelner und ich denke schon, dass verantwortungsbewusst und (einigermaßen) frei handelnde Mitarbeiter in einem vertrauensvollen Umfeld, die sich selbst nicht als bloßes Mittel zum Zweck sehen, zumindest für sich erfolgreicher arbeiten und so dem Unternehmen besser dienen. Eine wichtige flankierende Maßnahme dazu ist allerdings dass die Mitarbeiter begreifen, wie weit sie in Ihrer Autonomie gehen können – das wirkungsvoll zu kommunizieren ist eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.

In Bezug auf die Außenbeziehung eines Unternehmens (also Kunden, Konkurrenten etc.), hilft es, das Prinzip der Empathie einmal näher zu betrachten. Vorausgeschickt sei, dass es sich hier um eine partielle Betrachtung des Begriffes handelt, ich meine nicht „Mitgefühl“ im engen Sinne sondern das Begreifen, wodurch das Verhandlungs-Gegenüber bewegt wird. So gesehen führt ein Ausrichten seiner eigenen (Ver)Handlungen an dessen Interessen/Beweggründen nachgewiesenermaßen zu besseren Ergebnissen. Natürlich ist dies auch auf Unternehmensinterne Relationen anwendbar. Solche Konzepte werden unter dem Namen „Interest based negotiation“ von führenden Universitäten teuer verkauft – der Humanismus kennt das schon länger.

Schließlich, glaube ich, ist es nicht möglich, das Verhalten als „Wirtschaftender“ vom Verhalten als „sonstiger Mensch“ grundsätzlich zu trennen. Die Persönlichkeit eines Menschen wirkt in allen Bereichen. Eine innere Ruhe, Reife, Orientierung im Leben zu haben macht nicht nur „glücklich“, sondern befähigt auch, ein „gesundes“ Umfeld im privaten wie beruflichen zu schaffen und zu pflegen. Das hilft schon wesentlich, die ständig latent drohenden Auswüchse wie Burnout, zu hohes geschäftliches Risiko, Überbeanspruchung der eigenen Mitarbeiter etc. zu vermeiden. Humanismus ist für uns Europäer ureigenstes kulturelles Erbe. Ich denke, wenn man ihn entdeckt und sich begeistert, eröffnet sich ein Spektrum an Lebenssinn und Lebensweisheit und damit Orientierung welches schwerlich befruchtender sein kann. Führen wir uns die schon fast mit der Managementliteratur vergleichbar schnell wechselnden Moden vor Augen, sich meistens sehr halbherzig mit so fernen Dingen wie Buddhismus, Zen, Konfuzianismus oder schlimmer noch mit um teures Geld verkauften selbstgebastelten Hybridformen zu beschäftigen. Dies geschieht oft im Unwissen, dass so vieles bereits im Humanismus vorhanden ist, dieser aber quasi vor unserer Haustür liegt und sich auch schon über Jahrtausende bewährt.

Zum Abschluss das Beispiel der Tage im Chateau d´Orion. Die Veranstaltung hatte Humanismus zum Inhalt. Neben einer exzellenten Vertiefung der Themen gab es für mich als Management-Seminar Geschädigten eine absolut unübliche und unerwartete menschliche Entwicklung. Am Ende der Woche war unter allen Teilnehmern wirklich das Gefühl entstanden, neue Freunde gefunden zu haben, die man als Menschen gespürt hat und gerne zu sich einlädt. Ein solches Ergebnis ist nicht planbar sondern kann nur Entstehen. Der Humanismus und Elke Jeanrond haben es ermöglicht.